Der "Vogel GRIJP"
Ein Tier der menschlichen Phantasie. Der Greif kommt oft auf Wappen, Fahnen und Wasserzeichen vor.

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  Der Greif war schon im Altertum als fabelhaftes Tier bekannt. Aristeas (7. Jh. v. Chr.), dem die erste Erwähnung dieses Vogels zugesprochen wird, nennt ihn den Bewacher des Goldes im Norden Europas sowie den Bekämpfer der einäugigen Arimaspen in Scythien. Bei den Griechen galt der Greif als Attribut von Apollo. Man stellte sich ihn als einen riesenhaften Vogel mit Adlerkopf und Löwenleib vor. So erscheint er in der Attischen Vaenkunst sowie in der Anatolischen, Babylonisch-Assyrischen und Romanischen Reliefkunst. Der Greif vereinigt die Stärke eines Löwens einderseits mit der Schnelligkeit eines Adlers anderseits. Seine vier Beine sind zottig behaart und mit scharfen Vogelkrallen versehen.
Die alten Griechen lokalisieren den Vogel Greif im fernen Indien und später im hohen Norden. Das Mittelalter übernahm die Greifensage von den Völkern des Altertums. Hierbei wurde jedoch der sagenhafte Charakter der Überlieferung bezüglich des Tieres völlig verkannt, denn man glaubte im Mittelalter vielmehr an die wirkliche Existenz des Greifen. Im naturgeschichtlichen Werke des Lonicerns aus dem Jahre 1587 findet sich folgende Beschreibung des Tieres:

"Greif Griphus ist ein gefidert, vierfüßiges Thier. Am gantzen Leib ists ein Löwe, mit den Flügeln und Angesicht dem Adler gleich. An Asia, Scythie seind Greyffen, die das Golt und Silber besitzen, grausam wütende Vögel, umb welcher willen haben die Frembden gar selten ein eingang in das Landt. Wann so sie Leut sehen, zerreissen sie die, gleich als weren sie geboren zu straffen die geytigkeit (d. h. den Geiz, die Geldgier). Die Arimaspi (d. i. ein sagenhaftes Volk Scythiens) kämpfen mit ihnen auff daß sie das Gestein so bey ihnen ist nemmen. In sein Nest legt er den Stein: Agates. Sie seind den Pferden und Menschen fast zuwider und überwinden etwan mit streiten die gewapneten Menschen. So er ein Rindt, Pferdt oder Menschen, auch gewapnet, ertödtet, hebt er ihn auff und tregt ihn dahin mit vollem Flug. Deß Nägel sind den Ochsenhörnern gleich, auß welchen man Dringgeschirr machet, die man hoch achtet. Und von den Federn seiner Flügel machet man starke Bogenpfeile und Gienen (d. i. Lanzenspitzen)."

In früheren Zeiten soll der Vogel Greif auch an einigen Orten in Pommern genistet haben. Als die Stadt Greifenberg gegründet werden sollte, so berichtet die Sage, hatte man anfangs die Absicht, sie auf dem Lübzower Berge zu erbauen. Schon war das Bauholz angefahren, da trug der Vogel Greif, der in der Nähe nistete, während der Nacht alles Bauholz nach derjenigen Stelle, wo die Stadt jetzt steht, und wurden denn auch wirklich die ersten Häuser errichtet.

Eine ähnliche Rolle hat der Vogel Greif bei der Gründung der Stadt Greifswald gespielt. In einer Aufzeichnung der Sage aus dem Jahr 1829 heißt es: Einige alte Leute glauben den Ort angeben zu können, wo im nördlichen Teile der Stadt Greifswald, da das Dorf Schuberhagen ehedem gestanden haben soll, der vierfüßige, doppeltgeschwänzte Vogel Greif sein Nest auf einem abgebrochenen Baumstamm gehabt hat. Er raubte und fraß oft Kinder aus Schuberhagen und soll nur von den ersten Mönchen des Klosters zu Eldena haben verjagt werden können. Ausführlicher lautet die Sage bei Temme, wie folgt. An der Stelle, wo gegenwärtig die Stadt Greifswald liegt, war vorzeiten ein großer dichter Wald. Als nun die Mönche des Klosters Eldena hier eine Stadt gründen wollten, schickten sie Leute aus, um einen passenden Platz dafür auszusuchen. Die fuhren den Ryckfluß abwärts und gingen dann seitwärts in den Wald hinein. Auf einmal fanden sie daselbst auf einem abgebrochenen Baumstamm ein Nest, in dem ein großer vierfüßiger Greif mit einem doppelten Schwanze saß und brütete. Dies schien den Abgeordneten des Klosters ein günstiges Zeichen zu sein, und es wurde beschlossen, an dieser Stelle die Stadt zu erbauen, was denn auch geschah. Der Platz, wo man das Greifennest fand, ist in dem Teile der Stadt gewesen, der jetzt Schubhagen heißt. Hier sind von den ältesten Zeiten her viele schreckliche Geschichten vorgefallen: der vertriebene Greif hat anfänglich noch manches Kind von da geholt und gefressen; späterhin hat man da allerlei fürchterliche Gestalten gesehen: bald ging des Nachts ein großes Weib herum mit einem Bunde Schlüssel, womit sie rasselte, und eine Herde Ferkel vor sich hertreibend, bald sah man ein Frauenzimmer mit einer Herde schneeweißer Gänse; bald setzte sich dort ein Rappe, manchmal auch ein schneeweißer Schimmel den Leuten auf die Schultern und drückte sie, dass ihnen das Blut aus Mund und Nase kam. In neuerer Zeit sind diese Spukerscheinungen aber nicht mehr gesehen worden.

Diese Sagen gehen auf mittelalterliche Überlieferungen aus. Die früheste Erwähnung derselben finden wir in Joh. Bugenhagens Pomerania, der berichtet:

„Man erzählt, dass die Greifen in alter Zeit unsere Gegend bewohnt haben, und zum Beweise dafür führt man die Namen einiger Städte an, die offenbar nach dem Vogel Greif benannt sind. Dazu gehört Gripeswald, d. i. Wald des Greifen, Griphenberg, d. i. Berg des Greifen, und Gryphenhagne, d. i. Hain des Greifen. Um die Sage glaubwürdig zu machen, fügt der eine dies, der andere jenes hinzu, und man erzählt an der einen Stelle, der Greif habe mitten auf dem Markt genistet, an der anderen Stelle, er habe anderswo sein Nest gehabt. Man zeigt auch wohl bald hier bald dort einen mit den Wurzeln in der Erde haftenden Baumstumpf, auf dem der Greif einst gesessen habe."

Gegen die alte Volksüberlieferung vom Vogel Greif wendet sich dann im Jahre 1593 der Magister Lukas Takke in einer lateinisch verfassten Rede über die Stadt Greifswald:

"Den ersten Teil des Namens führt die Stadt nicht, wie man allgemein annimmt, von dem Vogel Greif, der hier nistete, sondern von dem ihr aus besonderer Gnade verliehenen herzoglichen Wappen oder von der berühmten Adelsfamilie der Greifen, von der auch die pommerschen Herzöge ihren Stammbaum herleiten. Beide führen den Greif im Wappen."

Die auf das alte Adelsgeschlecht bezügliche Sage findet sich auch bei Temme verzeichnet; sie lautet folgendermaßen: In der Gegend, wo jetzt die Stadt steht, wohnte früher ein adliges Geschlecht mit Namen Gripes, welches zuletzt wegen seiner vielen Räubereien ausgerottet wurde. Da aber ein Teil des Waldes, in welchem die Stadt erbaut wurde, jener Familie gehörte, so habe man die Stadt Gripeswald, später Greifswald genannt. Das Wappen der Stadt zeigt auf dem Boden des Schildes einen Baumstamm mit grünenden Zweigen; auf ihm sitzt ein Greif, der eine Bahre mit seinen Vorderklauen nimmt. Der Baumstamm geht auf die Örtlichkeit, wo die Stadt gegründet wurde. Den Greifen verlieh Herzog Wartislaw III von Pommern-Demmin der Stadt im Jahre 1249 als Wappenzeichen, und als dieser Herzog 1264 ohne männliche Nachkommen starb und Greifswald nun an Herzog Barnim I. von Pommern-Stettin fiel, wurde die Bahre hinzugefügt, damit dadurch der Name Barnim bildlich zum Ausdruck käme (Sundine 1833: 383 f.).
Von der Gründung der Stadt Greifenhagen scheint sich eine auf den Vogel Greif zurückgehende Gründungssage nicht erhalten zu haben. Möglicherweise aber ist hier an Stelle des Greifen der Drache eingetreten, der ehedem auf dem Bahner Tor zu Greifenhagen gehaust haben und dort noch jetzt als Spukgestalt umgehen soll.

Der Vogel Greif tritt aber noch an zwei anderen Stellen in der pommerschen Volkssage auf. Unweit des südöstlichen Zipfels der Klützer Forst, zwischen Binow und Wittstock (Kr. Greifenhagen) liegt ein kleiner Landsee mit Namen der faule Griep. Am Südufer des Sees liegt ein vorgeschichtlicher Burgwall, an den zahlreiche Sagen knüpfen. Nach der Volkssage soll der See seinen Namen daher erhalten haben, dass an seinem Ufer vorzeiten der Vogel Greif genistet hat. Auch hat man vermutet, dass in der Nähe des Sees die Grabstätten der Mitglieder des pommerschen Greifengeschlechtes lägen, die vor dem Jahre 1124 gestorben sind. In Wirklichkeit dürfte der Name des Sees auf slawisch gribu, Pilz, Schwamm, zurückzuführen sein.

Auf der Insel Usedom liegt das neuerdings entwässerte Thurbruch, d. i. Auerochsenbruch. In alter Zeit war dieses Bruch mit Urwald bedeckt und in dem Walde hauste der Vogel Greif. Einst hatte ein Kuhhirte, der seine Herde in dem Walde hütete, seinen kleinen Sohn mit in den Wald genommen, und als er ihn eine Zeitlang allein lassen musste, kam der Vogel Greif, raubte das Kind und trug es auf seinen Horst, wo er es seinen Jungen überließ. Als der Hirt seinen Knaben nicht fand, ahnte er sogleich was geschehen war. Eiligst begab er sich nach dem ihm wohl bekannten Greifenhorst. Der alte Vogel war glücklicherweise schon wieder auf Raub ausgeflogen. Kühn erkletterte der Vater die mächtige Tanne, auf der sich das Nest befand, und rettete seinen Sohn, der bis dahin die jungen Greifen abgewehrt hatte. Darauf zündete er den Wald an, damit die Brut des Greifen vernichtet würde. Dies gelang ihm, leider brannte aber auch der ganze Wald nieder, und noch jetzt finden die Torfstecher in dem Moor zuweilen stark angebrannte Baumstümpfe, die beweisen, dass der Wald einst durch einen gewaltigen Wald- und Moorbrand entstanden ist.

Mit Recht weist Schmidt darauf hin, dass die Städte, die nach dem Vogel Greif genannt sind, fast ausschließlich in ehemals slawischen Landesteilen liegen oder aber in solchen Gebieten Deutschlands, die ans Slawische grenzen. In Schlesien gibt es die Städte Greifenberg, Greifental, Greifenstein, Greifenhahn, in der Lausitz und in Sachsen Greifenhain, Greifenberg, Greifen, in Österreich Greifenstein, Greifenburg usw. Dem pommerschen Volke ist die Sagengestalt des Vogels Greif außerordentlich bekannt und geläufig. In der Umgegend von Treptow a. Toll pflegen sich Pommern und Mecklenburger nach ihren Wappentieren zu schimpfen, indem die Mecklenburger als "Mecklenburgische Ossenköpp" die Pommern nach dem Vogel Greif als "Pommersche Aasvögel" bezeichnet werden.

Quelle: A. Haas (1922): Der Vogel Greif in der pommerschen Volkssage, in:
Unsere Heimat. Heimatbeilage der Kösliner Zeitung, Jg.1922, Heft 12.

 
 

WAPPEN MIT DEM GREIF

 
 
 

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am 20. Oktober 2006 von ©
Jan Griep aus Katwijk aan Zee. Deutsche Bearbeitung von Thomas Feldmann.