«Die Erinnerung schmerzt auch noch heute, nach all den Jahren» Von Martina Stöhr 16.11.2008, 17:01 Aachener Nachrichten Aachen. Hein Kolberg (89) ist sichtlich bewegt. Er erzählt von seinen Erlebnissen als Soldat in Russland «und die Erinnerung schmerzt noch heute, nach all den Jahren», sagt er. Und er betont: «Wir alle sind mitschuldig an den grausamen Gewalttaten des Naziregimes.» Deshalb findet er sich gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und dem Bund der Antifaschisten (BdA) alljährlich zum Volkstrauertag vor den Gräbern der Naziopfer auf dem Waldfriedhof ein. «Die Täter dürfen nicht zu Opfern werden, und die Opfer nicht zu Tätern», meint der VVN und widmete sein Gedenken in diesem Jahr dem Thema «Hingeschaut und weggesehen». Die Frage: Was wussten die Deutschen von den Gräueltaten der Nazis? Sicher mehr, als die meisten zugeben wollen, meint der VVN. Renate Linsen von Thenen (VVN) erinnerte an Saul Padover, einen amerikanischen Nachrichtenoffizier, der nach Kriegsende in Aachen recherchierte, und dabei feststellte, dass es scheinbar weder Nazis noch Hitler-Anhänger gab. «Wir haben keinen Nazi gefunden», schrieb er sinngemäß. «Alle waren dagegen, keiner war für Hitler.» Hitler müsse die Gräueltaten also alle alleine begangen haben, hatte er dann voller Ironie hinzugefügt. Die Trauernden vor den KZ-Gräbern quittieren das Zitat mit einem gequälten Lächeln. Sie wünschen sich, dass die Verantwortung der Naziverbrechen nicht verschleiert wird und dass die Schuldigen als solche benannt werden. Aachens späterer Stadtkämmerer Hans-Maria Globke etwa sei alles andere als ein «rechtschaffener Mann» gewesen, sondern wegen seiner Verstrickung mit dem Naziregimes laut dem Zentralrat der Juden in jedem Fall mitverantwortlich. «Trotzdem diente er Adenauer lange Jahre als Staatssekretär», kritisiert der VVN. Dessen besonders Anliegen am Volkstrauertag ist aber, all derer zu gedenken, die in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet wurden. Auf dem Waldfriedhof finden sich 52 Gräber von Aachenern, die im KZ ums Leben gekommen sind. Für jeden ist eine kleine Steinplatte mit Namen und Todestag in den Rasen eingelassen. Eine kleine Fläche nur, die dem Betrachter erst beim aufmerksamen Hinschauen ins Auge fällt. Zum Volkstrauertag sind die Platten mit kleinen Lichtern und jeweils einer Rose geschmückt. Und den großen Gedenkstein, der erst in den 90er Jahren hinzugefügt wurde, schmückt ein Kranz mit dem Satz «Niemand und nichts ist vergessen.» Bedauerlich findet es die kleine Gruppe der Trauernden, dass außer dem Ratsherrn der Linken, Horst Schnitzler, kein offizieller Vertreter der Stadt den Weg zu den Gräbern gefunden hat, um der Naziopfer zu gedenken. Ein einziges Mal nur habe die Stadt den Volkstrauertag an dieser Stelle zelebriert - und zwar in dem Jahr, als der große Gedenkstein aufgestellt wurde.