Wir müssen ran - wir greifen an! - Das Panzergrenadier Regiment 108 der 14. Panzer-Division über Bug und Dnjepr zum Don.
  

Das persönlich Kriegstagebuch (Teil 1) von Lt. Joachim Stempel, Sohn des Generalleutnant Richard Stempel, der am 26. Januar 1943 in Stalingrad den Freitod wählte.


Dies ist der erste Teil von Joachim Stempel sein Tagebuch. In diesem Buch beschreibt er seine Erlebnissen bis den 25. August 1942. Im zweiten Teil (Diesen Weg sind wir gegangen), berichtet er ab den 25. August 1942 bis das bittere Ende in Stalingrad)


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Auszug aus dem Buch "Diesen Weg".

24.10.1942 Angriff zur Inbesitznahme des Verwaltungsgebäudes der "Brotfabrik".


"Und dann ist es schon soweit! Vor uns das Verwaltungsgebäude der Brotfabrik!" Und dann kommen sie - unsere Stukas! Wir greifen an! Meter um Meter schieben wir uns weiter vor, immer den vor uns ihre Bomben werfende Sturzkampfbomber nach. Sirenengeheul, Krachen, Bersten, Splittern, Dreckfontänen durch die detonierenden Bomben! Feuerstöße der hochziehenden Maschinen, die auch zum Teil bei uns -um uns- mit ihrem widerlichen Knallen erreichen, daß wir vorübergehend in Deckung gehen müssen. Und dann rauscht es über uns hinweg- hoffentlich nicht zu kurz - unsere Artillerie! Aber auch von den anderen Seite her! Ganze Serien von Lagen der sowj. Artillerie lassen die Erde erbeben, krachend schlagen sie dort drüben in die noch stehenden Fabrikwände ein und verbreiten ein Getöse - wie von einem in einen Bahnhof hereindonnerden S-Bahnzug! Unglaublich, man versteht nichts mehr. Wir springen weiter von Trichter zu Trichter, von Erdaufwurf zum nächsten Mauerrest! Nur ran an den Häuserblock, ran an die nächste Deckung. Und schon bricht es wieder über uns herein - Feuer sowj. Salvengeschütze! Weiter! - die letzten hundert Meter sollen wir noch überwinden, bis zur Wolga vor!


Aber die Russen verteidigen zäh und verbissen jedes Erdloch und jeden Schutthaufen - und überall lauern die Scharfschützen, die mit ihrem Feuer, das uns flankierend packt, blutige Verluste beibringen. Sie hocken überall, aber sie sind überhaupt nicht auszumachen.


Als es langsam zu dunkeln beginnt, die Sicht nur noch ungenügend ist, um etwas zu erkennen, stellen wir den Angriff ein und gehen so in Stellung, daß wir vor nächtlichen Überraschungen gesichert sind und jede feindlichen Annäherung rechtzeitig zu erkennen vermögen. Melder zu den Zügen, Zugführer zur Kompanie! Gefallene bergen, Verwundete zum Abtransport vorbereiten. Abendmeldung mit Einsatzskizze fertigen und zum Batallion! Hier kommt keiner zur Ruhe, alles ist hellwach, auch auf alles gefaßt! Und jeden bedrängt die Frage, was wird uns der morgige Tag bringen? Die ganze Nacht hindurch ist bei uns "der Teufel los"! Gerade sind die Essenholer in unserem Rücken - auf dem Weg zu uns - von Sowjets abgeknallt worden! Die Russen kommen aus irgendwelche Schächten, die hinter unsere HKL führen, heraus, lauern dann in der Dunkelheit meldern, Munitions- und Verpflegungsträgern auf, überwältigen sie und machen sie nieder. Und da die Sowjets immer noch in einigen Gebäudeteilen der Brotfabrik vor und rechts von uns sitzen, wird heute erneut angegriffen. Wir machen uns fertig, schauen uns alle noch einmal an - Blick auf die Uhr - jetzt!

Meter um meter geht es wieder langsam vorwärts. Stundenlang brauchen wir bis zum nächsten Ziel! feuerschutz afbauen - vorarbeiten - geduckt, flach an die Erde gepreßt und jede, auch noch so kleinste Deckungsmöglichkeit ausgenützt. Und immer den Blick rundum gerichtet, wo steckt der Russe? Und da sehen wir sie wieder - direkt vor uns - auf 50 Meter nur - die Köpfe der Rotarmisten! Erdbraun wie alles, was hier noch übrig geblieben ist. Es knallt hell und pfeift uns um die Ohren!

Wieder Ausfälle an Toten und Verwundeten! Mein Gott, wie viele werden es heute Abend wieder sein, die dann in der Dunkelheit geborgen und zurückgeschleppt werden müssen? Rechts von uns greifen die Kradschützen an! Wir hören sie, ihre Rufe und iher Feuerstöße! Und über uns allen die Rauchschwaden von den brennenden Gebäuden, den Öltanks links von uns und von den glühenden Resten der Werkhallen. Und dann plötzlich - wieder kommen unsere Sturzkampfflieger heran! Wir schießen Leuchtzeichen "weiß", damit sie sofort unsere vordere Linie erkennen und ihre Bomben dann so nahe wie möglich vor uns in den Feind werfen können! Und jetzt - überall steigen weiße und gelbliche weiße Leuchtzeichen zum Himmel. Überall "Hier sind wir!". Wie sollen die Flugzeugfhr. jetzt ausmachen können, wo die deutsche Spitzen stehen? So kurven, drehen sie - dann kippen sie plötzlich ab! Mit ohrenbetäubendem Sirenengeheul kommen sie heruntergestürtz! Weit vor uns, direkt vor uns - und, mein Gott, auch hinter uns! Neue Riesenkrater entstehen, Rauch- und Qualmwolken sowie der Dreck von Erdfontänen verdunkeln das gelände und hüllen zeitweilig alles ein! Keine Sicht mehr. Jetzt plötzlich Maschinengewehrfeuer! Selbständig von den Gruppen. Schreie, Rufe - Motorengeräusch! Gegenstoß der Sowjets! Und da erkenne ich sie auch. 30 bis 40 Meter vor uns, direkt vor uns - geduckt, schnell - ohne Stahlhelm, alle in Mützen! Jetzt überschütten wir sie mit dem Feuer aller Waffen. Und Artillerie-Sperrfeuer muß her! Leuchtzeichen "Rot"! Schnell, schnell! Und da faucht es auch schon heran, unsere Artillerie riegelt ab.

Granatwerfergeschosse surren und zischen, sie sind überraschend da! Ein Indeckunggehen nützt da nichts mehr!


Copyright: J. Wijers / J. Stempel 2007